Ursachen
Die genaue Ursache des Morbus Sudeck ist bis heute nicht bekannt. Die Krankheit tritt meistens nach einer, oft nur geringfügigen, Verletzung oder einer Operation auf. Sie kann aber auch nach einem Schlaganfall oder in selteneren Fällen ohne erkennbare Ursache ausbrechen. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer; auch Kinder können unter dieser Krankheit leiden.
Bei 470'000 der SUVA (Schweiz. Unfall-Versicherungs-Anstalt) gemeldeten Unfällen trat bei 0,17% ein Morbus Sudeck auf. Diese Zahl ist nicht repräsentativ, da bei der SUVA vor allem werktätige Männer versichert sind und auch die durch Krankheiten auftretenden Morbus Sudeck-Fälle nicht erfasst sind.
In der Literatur wird das Risiko, einen Morbus Sudeck zu erleiden auf 0,05% bis 5% geschätzt. (Bär, Felder, Kiener, 1998, S.11)1
Den Namen ‚Sudeck‘ verdankt diese Krankheit dem Hamburger Chirurgen Paul H. Sudeck (1866 -1945), der sie um 1900 beschrieben hat. Sie wurde aber bereits 1766 beobachtet und 1864 bei Soldaten, die sich während des amerikanischen Bürgerkrieges Schusswunden zugezogen hatten, genau beschrieben (Laan, Goris, 1997)4.
Sudeck nannte die Krankheit eine "entgleiste Heilentzündung" und beschrieb die Ähnlichkeit der Symptome zwischen einer Entzündungsreaktion und dem Sudeck-Syndrom.
Der grösste Teil der Ärzteschaft geht seit einigen Jahren davon aus, dass es sich beim CRPS (wie der Sudeck eigentlich genannt werden sollte) um eine Fehlregulation des Sympathischen Nervensystems (Teil des nicht vom Willen beeinflussbaren Nervensystems) handelt, der Schmerz im zentralen Nervensystem sozusagen falsch umgeschaltet wird und der Sympathikus überschiessend reagiert.
In den Neunzigerjahren beschäftigten sich L. van der Laan und R.J.A. Goris4 vom University Hospital Nijmegen erneut mit der Idee der Entzündung als Ursache. Sie untersuchten die Wirkung von freien Radikalenfängern als entzündungshemmende Therapie. Trotz berichteten Erfolgen damit, setzte sich ihr Ansatz nicht durch.
2004 untersuchte A. Gärtner7 im Rahmen seiner Dissertation verschiedene Entzündungsparameter bei 25 Patienten mit einem CRPS I. Gewisse Entzündungsparameter waren, gegenüber gesunden Personen, signifikant vermindert (Selektine), andere erhöht (IL-8, TNF-Rezeptoren, Substance P). Laut Gärtner könnte dies für eine lokale neurogene Entzündungsreaktion sprechen.
Ein Teil der Ärzteschaft geht (immer noch) davon aus, dass sich der Morbus Sudeck-Patient, wie der chronisch Schmerzkranke, durch eine spezielle Biographie eine gewisse Bereitschaft oder Veranlagung für diese Krankheit erworben hat.
Sie nehmen an, dass Morbus Sudeck-Patienten in der Kindheit und Jugend emotionale Vernachlässigung und frühe Leistungsanforderungen erlebten und dadurch eine ängstlich-depressive Grundpersönlichkeit entwickelten.
Wenn dann die körperliche Verletzung
in einer Lebenssituation erfolgt, die emotional und/oder sozial belastend ist
(z.B. Probleme in der Familie, am Arbeitsplatz), kann sich durch die erworbene
vegetative Überreaktionsbereitschaft ein Sudeck entwickeln.
Dem gegenüber erwähnen Laan und Goris 4, dass eine kritische Literaturübersicht keine Hinweise auf vorherbestimmende psychosoziale Faktoren ergibt.
"In der einzigen prospektiven (vorausschauenden) Studie, (...) nahmen 160 Patienten einen Tag nach einer Colles-Fraktur an einer Reihe psychologischer Tests und Persönlichkeitstests teil. Die Testergebnisse von Patienten, die später ein Sudeck-Syndrom entwickelten, unterschieden sich nicht von den Testergebnissen von Patienten, bei denen dies nicht der Fall war." (Laan van der L., Goris R.J.A., 1997, S.91)4
Wahrscheinlich ergeht es uns Sudeck-Patienten wie früher den Patienten mit einem Magengeschwür. Solange die Ursachen der Krankheit auf somatischer Ebene nicht geklärt sind, werden psycho-soziale Faktoren zur Erklärung der rätselhaften Krankheit herhalten müssen.
Natürlich spielt bei jeder Krankheit die Psyche auch eine Rolle, da sich Körper und Psyche nicht trennen lassen. Solange aber die somatischen Ursachen nicht restlos geklärt sind, besteht immer die Gefahr, dass der betroffene Morbus Sudeck-Patient von gewissen Ärzten in seinem körperlichen Leiden nicht ganz ernst genommen wird.